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Polnisches Institut Berlin

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#StayAtHomeAnd ReadComics

28.03 - 31.05.2020

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Arkadiusz Luba stellt aktuelle Arbeiten aus Polen vor

Aufgrund der Corona-Pandemie erlebt die Welt beinah einen kulturellen Stillstand. Die gesamten kulturellen Veranstaltungen, Events, Konzerte, Theaterspiele, Buchmessen und Podiumsdiskussionen bleiben auf unbestimmte Zeit verschoben. So auch die Projekte des Polnischen Instituts.
 
Wichtig ist, voneinander Abstand zu halten, sich die Hände zu waschen und ggf. in Quarantäne zu bleiben. Also: Bleib zu Hause und lies Comics! Denn das geht ganz sicher. Comic-Experte Arkadiusz Luba stellt unter dem Hashtag #StayAtHomeAndReadComics auf Facebook und auf der Homepage des Polnischen Instituts Berlin aktuelle Cartoons, Comics und Graphic Novels aus Polen vor.
 
>> bookcomicart.wordpress.com

(1) Polska Mistrzem Polski
(2) Ein Leben für den Fußball
(3) Marie Curie – Ein Licht im Dunkeln
(4) Ja, Nina Szubur
(5) Sławomir Mrożek
(6) Wiedźmin / The Witcher
(7) Kate Beaton: Chopin & Liszt
 


13.05.2020 / #StayAtHomeAndReadComics (7)
 
Der diesjährige 19. Internationale Comic-Salon Erlangen wurde – wie vieles aufgrund von Corona – gestrichen. Kanada und seine Comic-Zeichner/innen sollten dort Schwerpunkt sein. Von dieser großen Werbeaktion ist u.a. eine Zeitung übriggeblieben, welche die „nördlichen Stars“ und ihre Werke vorstellt, darunter Kate Beaton aus der Provinz Nova Scotia, eine studierte Historikerin und Kulturanthropologin sowie Pionierin der ersten Webcomics. Laut der Zeitung soll noch in diesem Jahr im Hamburger Zwerchfell-Verlag Beatons Buch „Zur Seite, Kerl!“ erscheinen. Es handelt sich dabei um eine Sammlung einzelner Comicstrips. Beaton zeichnet mit Bleistift vor und dann mit einem dickeren Stift darüber – die Technik ist ziemlich simpel. Sie verwendet Pinselstifte für Linien sowie Graustufenmarkierungen und manchmal Aquarellfarben, um die Bilder zu schattieren. Ihren Stil zeichnet eine einfache und klare, skizzenhafte Konturlinie aus. Ihr Witz ist einzigartig. Sie karikiert historische Geschehnisse, schöpft aus Literatur und Popkultur.
 
Eine ihrer Comicstrip-Serien handelt von Fryderyk Chopin und Franz Liszt. Chopin war nicht nur der verträumte und sensible Romantiker, den viele von uns idealtypisch vor Augen haben. Er bekannte selbst, dass er sein Temperament häufig zähmen musste: „Im Salon spiele ich den Ruhigen, doch wenn ich wieder zu Hause bin, da donnere ich auf dem Klavier.“ Kein Geringerer als Robert Schumann nannte ihn ein Genie. Beaton zeichnet eine Hommage an beide Musiker, allerdings mit ironischem Witz. In „Klassisch, wenn’s recht ist“ (Abb. 1) geht es um Ruhm, Epoche und Egos.
 
Abb. 1: „Klassisch, wenn’s recht ist“ © Kate Beaton / Zwerchfell Verlag
 
Fryderyk Chopin widmete Franz Liszt seine Etüden op. 10, Liszt wiederum eignete seine „Grandes Études“ Chopin zu. Während Chopin, wie ihn Zeitzeugen beschrieben, eher scheu, zurückhaltend und verschlossen war, genoss der Bonvivant Liszt das Leben in vollen Zügen. Darauf mag Beaton in der Abb. 2 anspielen – zwei musikalischen Genies gleichen Ranges, aber zwei völlig verschiedene Charaktere.
 
Abb. 2: „Für König und Vaterland“ © Kate Beaton / Zwerchfell Verlag
 
„Chopins Charakter war nicht leicht zu begreifen. Er setzt sich aus tausend Nuancen zusammen, die einander überkreuzten und verhüllten in einer Weise, die nicht auf den ersten Blick erkennbar wurde. Es war leicht, sich in den Gründen seiner Gedankenwelt misszuverstehen. Seine kränkliche und schwache Natur erlaubte es ihm nicht, seinen Leidenschaften einen krafttrotzenden Ausdruck zu verleihen. Er suchte sich dadurch zu entschädigen, dass er Werke schrieb, die er von anderen mit der Kraft gespielt hören wollte, die ihm selber fehlte, und in denen der leidenschaftliche Groll eines von bestimmten uneingestandenen Wunden zutiefst getroffenen Menschen fortdauert“, schrieb Liszt in seiner Chopin-Biographie. Er war Chopins Freund, Kollege und erster Biograf. Und er vermisste ihn nach dessen Tod (vgl. Abb. 3).
 
Abb. 3: „Die späteren Jahre“ © Kate Beaton / Zwerchfell Verlag
 
Wie einst „Chopin New Romantic“ – ein Geistercomic, den kaum jemand zu Gesicht bekommen hat – von polnischen und deutschen Comickünstlern gezeichnet wurde, so ließ sich  auch Kate Beaton vom polnischen Romantiker inspirieren. Für sie liefert die Welt der Komponisten erstklassiges Comic-Material. Wer an Beatons subtilem Humor Gefallen gefunden hat, muss sich allerdings noch etwas gedulden. Aber bis ihr Buch in Deutschland erscheint, kann man schon mal in ihrem Blog stöbern.



06.05.2020 / #StayAtHomeAndReadComics (6)
Wiedźmin / The Witcher


Abb. 1: Umschlagzuschnitt von „The Witcher 4: Córka płomienia“ (The Witcher 4: Von Fleisch und Flammen) von Aleksandra Motyka (Text) und Marianna Strychowska (Zeichnungen) © Panini Comics
 
Der fünfteilige Hexer-Zyklus von Andrzej Sapkowski erreicht weltweit millionenschwere Auflagen. Die meisten an Popkultur Interessierten dürften schon von dem grauen, langhaarigen Helden gehört haben. 1993–1995 publizierte der polnische Verlag Prószyński i S-ka aus Warschau Comics über Geralt von Riva, getextet von Maciej Parowski und gezeichnet von Bogusław Polch. Einige Hexer-Erzählungen wurden 2001 vom Regisseur Marek Brodzki als „Wiedźmin“ (dt. „Geralt von Riva – Der Hexer“) zuerst als Kinofilm adaptiert und später als Miniserie in 13 Teilen à 45 bis 50 Minuten im polnischen Fernsehen gesendet. Die Kritiken hierzu waren allerdings nicht sonderlich positiv. 2011 kam eine zweiteilige Comic-Serie mit dem Hexer auf den polnischen Markt, die von Arkadiusz Klimek gezeichnet und von Michał Gałek getextet wurde. Doch auch diese blieb ohne große Resonanz. Erst das polnische Entwicklerstudio CD Projekt RED sorgte mit seinem 2007 veröffentlichten Computer-Rollenspiel „The Witcher“ für großes Aufsehen. Die „Witcher“-Computerspiele wurden auch außerhalb Polens sehr bekannt und erfolgreich. Die Reihe verkaufte sich bis 2018 mehr als 33 Millionen Mal. Derzeit trägt eine gleichnamige Netflix-Serie zur Popularität des Hexers Geralt bei und macht ihn weltberühmt – und mit ihm die polnische Schlossruine Ogrodzieniec. Denn neben Gran Canaria und Ungarn spielt ein Teil der im Dezember 2019 angelaufenen Serie auch auf dem einstigen Königsschloss im Krakau-Tschenstochauer Jura.
 
Umschlag des Magazins „Komiks“ Nr. 8/1993 mit dem Comic „Droga bez powrotu“ (Einbahnstraße) © Verlag Prószyński i S-ka
 
Der Erfolg der Computerspiel-Reihe resultierte in einem erneuten Versuch, den Hexer als Comic umzusetzen. Seit 2017 erscheint beim US-amerikanischen Verlag Dark Horse Books eine Comicserie, die sich – als CD Projekt RED-Franchise – optisch vor allem an den Videospielen orientiert, inhaltlich jedoch auch neue Geschichten erzählt. Den bis jetzt letzten Band „Wiedźmin 4 – Córka płomienia“ (The Witcher 4: Von Fleisch und Flammen) durfte erstmals eine Polin zeichnen: Marianna Strychowska. Die freischaffende Illustratorin und Comickünstlerin zeichnete u. a. den englischsprachigen Science-Fiction-Comic „Duplicant“ von Karla Nappi (Skriptkoordinatorin von TV-Serien wie „Suits“ und „Bates Motel“), den düsteren polnischen Comic „Nie przebaczaj“ (Keine Gnade) und den fantastischen Webcomic „The Caravan“, den Strychowska auch selbst schrieb. In der polnischen Presse feierte man Motyka und Strychowska vor allem aus Nationalstolz und übersah dabei die hohe künstlerische Qualität ihrer Werke. Strychowskas Bilder zeichnet – selbst die Hintergrundszenen – ein detailtreuer, reicher, dynamischer Strich aus, dank dem die Figuren direkt dem Computerspielbildschirm entsprungen zu sein scheinen.
 
Fragment aus „The Witcher 4: Córka płomienia“ (The Witcher 4: Von Fleisch und Flammen) von Aleksandra Motyka (Text) und Marianna Strychowska (Zeichnungen) © Panini Comics
 
Die Amerikaner von Dark Horse Books entschieden sich dafür, keine Adaption von Sapkowskis Büchern zu produzieren, sondern lassen die Serie auf der Computerspielserie von CD Projekt Red basieren, besonders auf ihrem dritten Teil „The Witcher: Wild Hunt“, an dessen erzählerischer Entwicklung die Autorin Aleksandra Motyka mitwirkte. Der vierte Band der Comicserie erzählt nun eine neue Geschichte aus der Welt der Games. In dieser Welt wird Geralt für seinen unermüdlichen Kampf gegen die monströsesten Ausgeburten der Finsternis geachtet und zugleich gefürchtet und gehasst. Sein Freund, der Barde Rittersporn, lebt als unverbesserlicher Schürzenjäger, dessen Mundwerk seine beste Waffe – da wesentlich leichter – ist. Wer die Games kennt, wird sich außerdem über Anspielungen z. B. auf Lambert (einen anderen Hexer) oder Fisstech (eine verbotene Droge) freuen. Die Geschichte beginnt in der Stadt Novigrad, in der Geralt schon einige Male gewesen ist. Er soll hier das Schlafzimmer einer schönen Kaufmannstochter von einem nächtlichen Besucher befreien. Doch das ist nur der Anfang eines Abenteuers, das Geralt und Rittersporn in ein fernes Reich führt, wo Intrigen, finstere Mächte und Ungeheuer auf sie warten.
 
Fragment aus „The Witcher 4: Córka płomienia“ (The Witcher 4: Von Fleisch und Flammen) von Aleksandra Motyka (Text) und Marianna Strychowska (Zeichnungen) © Panini Comics
 
Die Comic-Stories über den Hexer sind relativ einfach. Woher kommt also die Faszination für ihn? Die Antwort könnte sein: Selbst Intellektuelle sehnen sich nach Magie, wollen in fantasievolle Welten eintauchen dem sacrum begegnen. Schon der französische Soziologe und Philosoph Roger Caillois (1913–1978) schrieb einst: „Die Existenz von Theseus findet ihre Bedeutung nicht so sehr im Sieg über Minotaurus, sondern in der Tatsache, dass der Held jemanden hatte, mit dem er kämpfen konnte. Die Existenz von Monstern bedingt die Geburt von Halbgöttern.“ In Sapkowskis Fantasy-Welten, die auf mitteleuropäischen Märchen und slawischen Legenden beruhen, ist sein Hexer solch ein Halbgott, der mit Monstern wie Minotaurus kämpft und weist Merkmale eines Heiligen auf. Der neue Hexer von Strychowska und Motyka ist dazu auch noch gutaussehend, charmant, begabt, klug und ziemlich sinnlich. Wer würde sich nicht gerne mit solch einem halbgöttlichen Wesen identifizieren?
 


29.04.2020 / #StayAtHomeAndReadComics (5)
Sławomir Mrożek

Sławomir Mrożek (1930–2013) ist in Deutschland längst kein Unbekannter mehr. Seine seit den Fünfzigerjahren entstandenen satirisch-absurden Kurzgeschichten und Theaterstücke wurden auch hier intensiv rezipiert. Dennoch bleibt er vor allem als Schriftsteller bekannt, obwohl er in Polen auch als Karikaturist geschätzt wird. Mrożek studierte Architektur, Kunstgeschichte und Orientalistik. 1950 debütierte er als Zeichner in der wohl bekanntesten satirischen Illustrierten Polens „Szpilki“ (Stecknadeln) mit gleich zwei satirischen Cartoons:
 
Abb. 1: Sławomir Mrożek: Förster und Fuchs mit Flinte im Mund, in: Szpilki Nr. 16/1950, S. 9
 
Anfangs zeichnete Mrożek ähnlich wie viele seiner Kollegen Situationswitze. Sein Bild „Förster und Fuchs mit Flinte im Mund“ benötigt keinen kommentierenden Text, der Witz ist auch so ersichtlich und verständlich: Normalerweise jagen Förster Füchse. Hier scheint auch der Fuchs zu jagen – vermutlich den Förster. Der Witz basiert auf einer Umkehrung der gewohnten Situation.
 
Abb. 2: Sławomir Mrożek: Hasenjagd in einem Restaurant, in: Szpilki Nr. 16/1950, S. 10
 
Im zweiten Bild zielt der Kellner auf einen Hasen. Wahrscheinlich hat der Ober gerade eine Bestellung entgegengenommen. In diesem Restaurant wird das Essen offensichtlich (übertrieben) frisch serviert.
 
Mrożeks Bilder, wie auch die anderer Künstler, messen dem Text im Bild zunehmend mehr Bedeutung bei. Im 19. Jahrhundert gab es noch keinen Text oder er stand in der Regel außerhalb des Panelrahmens. Heute liefert er häufig den Anstoß für die Zeichnungen. Der Sprachwitz verdrängt die einst so verbreitete Situationskomik in satirischen Bildern. Die Cartoons von Mrożek, die er zwischen 1989 und 2003 für die Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ und das Wochenblatt „Tygodnik Powszechny“ zeichnete, illustrieren eine Zeile Text oder mehrere. Die Linien bedienen den Sinnspruch, wie z. B. in seinen Bildern über die polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki.
 
Abb. 3: Sławomir Mrożek: Mickiewicz Adam – Der Pilger vermisst seine Heimat mit Sonnenuntergang im Hintergrund © Diogenes Verlag
 
Mit dem Pilger-Bild spielt Mrożek auf ein Gedicht des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz an und macht sich darüber lustig. Das XIV. Sonett der Reihe „Krim-Sonette“ ist mit „Der Pilger“ betitelt. Die Krim-Sonette waren als Reisebericht gedacht, voll von schmerzlich-melancholischer Sehnsucht nach der fernen Heimat – so auch „Der Pilger“: „Wie weit entfernt [...] / Auf Heimwegen fern [...] / stets denk ich: Ob zuweilen / Sie [Heimat] wohl noch mein gedenkt“. Auch Mrożek verbrachte mehrere Jahre (1963–1996 und 2008–2013) im Exil bzw. im Ausland.
 
Abb. 4: Sławomir Mrożek: Słowacki Julisz – Es ist ihm traurig mit Sonnenuntergang im Hintergrund © Diogenes Verlag
 
Der Titel der Karikatur über Juliusz Słowacki, einen weiteren polnischen Nationaldichter, ähnelt stark einem Gedichttitel dieses Romantikers: „Hymne bei Sonnenuntergang am Meer“ (Quelle: hier). Das Gedicht, das im Oktober 1836 „auf dem Meer vor Alexandria geschrieben“ wurde, beginnt mit der Apostrophe „Gott, mir ist schwer!“, die eine Hinwendung an das Absolute ausdrückt. Sie funktioniert in dem Gedicht wie ein Refrain und unterstreicht – ähnlich wie beim Mickiewicz-Sonett – die unendliche Trauer nach der verlorenen Heimat: „Ein Vaterhaus kannte ich kaum [...] / Ich müht‘ mich als Pilger auf steinigen Wegen“.
 
In seinem Tagebucheintrag vom 12. Juni 1976 schrieb der Zeichner Mrożek: „Alles mit einem Bild erzählen. / Alles mit einem Bild und einem Kommentar erzählen.“ Zweieinhalb Jahre später (am 30. Dezember 1978) verriet er: „Ich in der Landschaft. Ich in meinen Landschaften. Und hier – geringfügig, unauffällig – bin ich selbst die Weide und verfallend verwandle ich mich selbst in Frösche, die im Teich quaken, noch bin ich teilweise außerhalb des Bildes, aber ein Teil von mir ist bereits in das Gemälde eingegangen. Die Vermutung liegt nahe: War ich nicht von Anfang an immer schon im Bild? Und bin ich nur aus dem Bild herausgetreten, habe mich als Betrachter des Bildes irrtümlich und täuschend erschaffen, um nach vielen Jahren wieder zu dem werden zu können, was ich nie aufgehört hatte zu sein?“ Bedeutet das, all die Figuren in Mrożeks Zeichnungen sind ihr Autor selbst? Oder, dass dieser sich unaufhörlich selbst zeichnet und sich dann aus der Distanz betrachtet? Wie dem auch sei: Ob Mrożek selbst und/oder seine Umgebung – seine Cartoons bleiben witzig, klug und zutiefst philosophisch.

>> www.diogenes.ch/leser/autoren/m/slawomir-mrozek.html



22.04.2020 / #StayAtHomeAndReadComics (4)
Ja, Nina Szubur


Abb. 4: Fragment aus „Ja, Nina Szubur“ (Ich, Nina Szubur) von Daniel Chmielewski und Olga Tokarczuk © Wydawnictwo Komiksowe
 
Olga Tokarczuk war noch eine junge, aber dennoch an Ruhm gewinnende Schriftstellerin, als die bekannteste lebende polnische Geisteswisenschaftlerin Maria Janion das Ende des romantischen Paradigmas verkündete. Seitdem versucht die polnische Literatur zunehmend, die neue Realität zu beschreiben und sich von den romantischen und Märtyrermythen zu befreien. Tokarczuk schöpft dagegen aus dem Ur (vgl. ihr Buch „Ur und andere Zeiten“) und erforscht den heterogenen Ursprung unserer heutigen Kultur. Vor diesem Hintergrund stellt sie Fragen nach der aktuellen conditio humana – zärtlich, behutsam, vorsichtig und dennoch stark.
 
So ist es auch in dem Comic „Ja, Nina Szubur” (Ich, Nina Szubur) von Daniel Chmielewski. Der Künstler interpretierte dafür Tokarczuks Buch „Anna In w grobowcach świata“ (dt. „AnnaIn in den Katakomben. Der Mythos der Mondgöttin Inanna“, dtv 2008), in dem sie auf den wohl ältesten Menschheitsmythos zurückgreift: den von Inanna, der Tochter des Mondgottes Nanna und der Mondgöttin Ningal. Inanna war die Herrscherin der sumerischen Stadt Uruk und die Göttin von Liebe und Krieg. Wie immer begnügt sich Tokarczuk nicht mit den Mythen, sie vermischt sie mit dem Alltäglichen. So erzählt sie eine Geschichte menschlicher Beziehungen und Machtverhältnisse. Ein Mythos sei „die Epiphanie des Göttlichen im Sprachzentrum des menschlichen Hirns“, zitiert sie im Nachwort ihres Buches den Schweizer Religionswissenschaftler Karl Kerenyi. Chmielewskis Comic kombiniert antike Mythen mit postapokalyptischen Motiven, Einflüssen aus Spiel- und Dokumentarfilmen sowie diversen Texten über Kultur.
 
Abb. 5: Fragment aus „Ja, Nina Szubur“ (Ich, Nina Szubur) von Daniel Chmielewski und Olga Tokarczuk © Wydawnictwo Komiksowe
 
Sonnenlicht und frische Luft sind nur für Privilegierte des ersten Levels (M1) verfügbar. Alle anderen werden darunter (auf Level M2) in Schach gehalten. Jedes Jahr dürfen 20 der Minderprivilegierten nach oben in die bessere Welt ziehen, während die übrigen weiter vom Aufsteig träumen dürfen und davon überzeugt sind, dass es ihnen immerhin noch nicht so schlecht ergeht wie den Menschen auf Level M3, tief unter der Erde. AnnaIn begibt trotz der Proteste ihrer Geliebten Nina in diesen düsteren Abgrund. Sie, die Königin des Lebens von M1, wird dort ihre Schwester treffen – die Todeskönigin von M3, die sie seit über 20 Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie wurden durch das menschliche Elend und ein Labyrinth politischer Intrigen getrennt.
 
Abb. 6: Fragment aus „Ja, Nina Szubur“ (Ich, Nina Szubur) von Daniel Chmielewski und Olga Tokarczuk © Wydawnictwo Komiksowe
 
Genau wie Uruk ist auch der Comic selbst eine mehrstöckige Konstruktion. Über die Autorin wurde geschrieben, sie habe es geschafft, den laut Roland Barthes durch die Popkultur gestohlenen und in die bürgerliche Ideologie integrierten Mythos zurückzugewinnen: „Nietzsches mythische Charaktere verwandelten sich in einen Übermenschen, und einen Moment später in den popkulturellen Superman.“ Doch Tokarczuk erzählt uns eine andere Geschichte. Inanna wurde bei den Babyloniern zur Ischtar, bei Tokarczuk wird sie wiederum zu AnnaIn, einem Anagramm des ursprünglichen Originals. Der wiedergewonnene Mythos kann allerdings immer wieder gestohlen werden, was Chmielewski auch erfolgreich tut. Er baut eine Science-Fiction-Story, in der er in Panels mythologische Inhalte mit einem Actionfilm zu einer spannenden Intrige zusammenfügt. Gänzlich neu ist das nicht, dafür aber wohlbegründet: Das gesamte Œuvre Alejandro Jodorowskys und des „Comic-Papstes“ Moebius könnte sich in diesem Genremix wiederfinden. Wahrscheinlich ist nur durch die licentia poetica ein neues vollwertiges Werk möglich, für das andere Werke Pate stehen. Das Ergebnis ist ein kluger Comic, der umfangreich und nicht immer leicht zu lesen ist. „Ich, Nina Szubur“ ist ein Werk von überraschendem Mut der Bilder und eine wundervolle Geschichte über uns selbst.
 



15.04.2020 / #StayAtHomeAndReadComics (3)
Der deutsche Kinostart von „Marie Curie – Elemente des Lebens“ (Regie Marjane Satrapi) wurde zwar aus aktuellem Anlass auf unbestimmte Zeit verschoben, aber immerhin gibt es stattdessen (oder als Ergänzung zum Film) die Graphic Novel „Marie Curie – Ein Licht im Dunkeln“ der Autorinnen Frances A. Østerfelt und Anja C. Andersen, von Anna Błaszczyk umwerfend in Bilder umgesetzt.
 

Abb. 3: Fragment aus „Marie Curie – Ein Licht im Dunkeln“ (S. 76) von Frances A. Østerfelt, Anja C. Andersen und Anna Błaszczyk © Knesebeck Verlag
 
Das Buch erzählt das turbulente Leben der Physikerin und Nobelpreisträgerin Maria Skłodowska-Curie, einer Polin, die Frauen den Weg in die Wissenschaft bereitete. Marias Leben und Forschung haben die Welt verändert. Ihr Antrieb, die Gesetze der Natur zu verstehen, führte zu bahnbrechenden Erkenntnissen: Die chemischen Elemente Polonium und Radium und mit ihnen die Radioaktivität wurden entdeckt. Curie war die erste Professorin an der Sorbonne, die erste Frau, die erste Nobelpreisträgerin und die einzige Person überhaupt, die Nobelpreise in unterschiedlichen Kategorien – erst Physik, dann Chemie – erhielt. Weil sie sich in den Schüler ihres toten Mannes verliebte, ersuchte man sie in einem späteren Brief, der Nobelpreisverleihung 1911 für Chemie in Stockholm fernzubleiben, um das Feuer nicht weiter zu schüren. Doch die emanzipierte Frau reist trotzdem hin.
 
„Marie Curie – Ein Licht im Dunkeln“ macht Maria Skłodowska-Curies ergreifendes Leben für Kinder und Erwachsene auf besondere Weise erfahrbar: vor allem durch die umwerfenden Zeichnungscollagen und digitale Scherenschnitte von Anna Błaszczyk. Viele Seiten sind dunkel. Mich persönlich stört der schwarze Hintergrund, aus dem die Bildercollagen hervortreten. Und dabei verstehe ich die durchdringende Konvention (wenn es überhaupt eine ist und ich sie richtig interpretiere): aus der Dunkelheit ins Licht. Schließlich führen alle Tätigkeiten Skłodowskas geradewegs ins Licht – ihre Wissenschaft, ihre strahlenden Entdeckungen, ihr Verlassen des rückständigen, männerdominierten wissenschaftlichen Milieus von Warschau. Die Dunkelheit unterstreicht die düsteren Zeiten im Leben Skłodowskas vor der Ausreise nach Paris. Maries Emotionen sind hier schwerer, dunkler.

>> www.knesebeck-verlag.de/marie_curie/t-1/857
 


08.04.2020 / #StayAtHomeAndReadComics (2)
Wie Spiegel online berichtete, geht der Fußball derzeit zumindest verbal in Sack und Asche. Auch DFB-Chef Keller, Nationalmannschaftmanager Bierhoff und Bundestrainer Löw betonten wiederholt, wie sehr die Bedeutung des Sports angesichts der Pandemie in sich zusammengeschrumpft sei. „Was uns gestern groß und wichtig erschien, erscheint uns heute nichtig und klein“, zitierte Keller Anleihen Reinhard Meys Song „Über den Wolken“ und ergänzte: „Der Fußball tritt im Moment in den Hintergrund.“ Doch nicht beim Comic-Verlag Carlsen.
 

Abb. 2: Fragment aus „Ein Leben für den Fußball“ (S. 35) © Julian Voloj & Marcin Podolec 2019, Carlsen Verlag GmbH
 
In deutschen Fußballvereinen spiel(t)en viele Polen, mit Lukas Podolski, Mirosław Klose und Robert Lewandowski an der Spitze. In der Graphic Novel „Ein Leben für den Fußball“ bekommt nun wiederum Oskar „Ossi“ Rohr, die Legende vom FC Bayern München (der Gerd Müller bzw. Robert Lewandowski seiner Fußballergeneration), vom polnischen Comiczeichner Marcin Podolec ein grafisches Gesicht (Abb. 2).
 
Gemeinsam mit dem Autor Julian Voloj widmet Marcin Podolec sich in „Ein Leben für den Fußball“ der bewegten Biografie des Mannes, der 1932 den FC Bayern München zu seiner ersten deutschen Meisterschaft schoss und wenig später vor den Nazis fliehen musste. Podolec, der Animation in Łódź studierte und heute als Regisseur, Illustrator und Comiczeichner arbeitet, zeichnet die bewegende Geschichte durchgehend in frohen Pastellfarben und detailreichen, packenden Bildern. Podolecs Graphic Novel „Fugazi Music Club“, in der er die wechselvolle Geschichte eines Warschauer Musikclubs nachzeichnet, fand auch unter deutschsprachigen Kritiker(inne)n große Beachtung.
 

 
28.03.2020 / #StayAtHomeAndReadComics (1)
Polska Mistrzem Polski
 
Seit 2013 zeichnet das Philosophen- & Grafiker-Duo Rafał Skarżycki und Tomasz Leśniak jede Woche für „Duży Format“ – die Reportagebeilage der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ – 25x7 cm große Cartoons unter dem Titel „Polska Mistrzem Polski“ (Polen – Weltmeister Polens). Skarżycki und Leśniak sind im gewissen Sinne auch Reporter, die das alltägliche Geschehen in Polen unter die Lupe nehmen, karikieren und verspotten.

Abb.1: Rafał Skarżycki und Tomasz Leśniak: Polska Mistrzem Polski, „Duży Format”, Ausgabe vom 16.03.2020 
 
So konnten Skarżycki und Leśniak auch die aktuelle Corona-Pandemie nicht unkommentiert lassen. In der Ausgabe von „Duży Format“ vom 16.03.2020 (Abb. 1) beschäftigen sie sich mit dem Händewaschen der Polen. Die Frau fragt: „Und?“, und der Mann antwortet: „Es ist sogar angenehm“ – als ob er noch nie im Leben seine Hände gewaschen hätte und jetzt erst dieses Ritual entdeckt.

„Krankheit der schmutzigen Hände“ (choroba brudnych rąk) wird in Polen die Hepatitis A genannt. So wird man seit dem frühesten Alter darauf sensibilisiert, Hände zu waschen und auf Hygiene zu achten. In Polen wird auch auch ohne großen Widerstand geimpft. Nun scheint es, als ob die ganze Welt plötzlich vergessen hat, dass man seine Hände waschen muss. Leśniak und Skarżycki bringen es auf den Punkt, oder?

>> wyborcza.pl/duzyformat/5,127290,15010237.html?i=3