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Polnisches Institut Berlin

Es begann in Gdańsk

Musik

#KlangContraCorona 3

16.03 - 31.08.2020

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Musikalische Leckerbissen auf Facebook und auf der Homepage (Teil 6185)

Teil 1–35: HIER
Teil 36–60: HIER
Teil 86–100: HIER

So lange das Coronavirus viele Konzerte verhindert, versorgen wir euch digital mit musikalischen Leckerbissen aus Polen.

Inhalt:

1–35 / >> #KlangContraCorona 1
36–60 / >> #KlangContraCorona 2
61 / Riverside
62 / Gooral
63 / O.S.T.R.
64 / Kayah
65 / Closterkeller
66 / Maryla Rodowicz
67 / Sensum Quartet
68 / Oberschlesien
69 / BratHanki
70 / Smutne Piosenki
71 / Farben Lehre
72 / Karolina Czarnecka
73 / Kwartet Śląski / Silesian String Quartet
74 / Xxanaxx
75 / Coma
76 / Warsaw Village Band
77 / Kinga Preis
78 / Mery Spolsky
79 / Frele
80 / 2Tm2,3
81 / Jazzpospolita
82 / Same Suki
83 / Jakub Józef Orliński
84 / The Analogs
85 / Karolina Cicha
86–100 / >> #KlangContraCorona 4



61 / 30.05.2020
RIVERSIDE
Progressive Rock/Metal ist nicht unbedingt die Stilrichtung, mit der man reich und berühmt wird. Aber vielleicht kann man sich mit verfrickeltem Gitarrengeschrammel und Acht-Minuten-Tracks ja dafür unsterblich machen? Schließlich werden in polnischen Fußgängerzonen permanent Stücke von Pink Floyd gespielt, es gibt also einen solide Fanbasis. Und mehr noch: Die Szene ist international bestens vernetzt, so dass eine Band wie Riverside inzwischen viel öfter oft in Clubs und auf Festivalbühnen in Westeuropa und Nordamerika spielt als zu Hause. Überhaupt ist die Truppe enorm bühnenerfahren und bringt es auf einige Dutzend Gigs pro Jahr. Sieben Alben hat sie seit 2003 bei Mystic Production herausgebracht (zuletzt „Wasteland“, 2018), die ab 2010 auch im Ausland sukzessive in die Charts kletterten. Liebhaber von Tool, Opeth oder Porcupine Tree sollten also unbedingt mal ein Ohr riskieren. Oder auch zwei. Am besten mit Kopfhörern.
>> riversideband.pl/en
 
 
62 / 01.06.2020
GOORAL
Wenn man die Abkürzung „DJ“ hört, sind die Assoziationen klar – Loops, Clubs, Bass, Endlos-Mixe, Beats, Schallplatten, Breaks. Aber Folklore? Geigen? Historische Trachten? Volkstänze? Selbstverständlich – zumindest, wenn man Gooral heißt und das Genre „Ethno Elektro“ in Polen quasi im Alleingang aus der Taufe gehoben hat. Bei ihm sind Gesang und Geigen aus der Góralen-Musiktradition der Karpaten die Basis, auf der er krachige Clubsounds kreiert, die Respekt vor ihren historischen Vorbildern zeigen und trotzdem hundertprozentig als Spaßmusik taugen. Und vor allem: Man kann dazu tanzen, tanzen, tanzen! Fünf Alben (u.a. mit Psio Crew) hat der Lockenkopf inzwischen auf dem Konto, Auftritte in Japan, Kanada oder Aserbaidschan, diverse Preise und sogar eine gemeinsame DVD mit dem renommierten Ensemble Mazowsze.
>> www.gooral.net
 
 
63 / 03.06.2020
O.S.T.R.
O.S.T.R., 1992 geboren als Adam Andrzej Ostrowski in Łódź, ist tief in der polnischen Hiphop-Szene verwurzelt und entspricht trotzdem kaum dem Klischee des klassischen Straßenrappers. Das beginnt schon damit, dass er nicht aus einem Ghetto-Haushalt stammt, sondern als Sohn einer Musik-Professorin eine Hochschulausbildung im Fach Violine in der Tasche hat. Das erklärt auch, warum er stets offen für andere Musikstile ist und keine Scheu beispielsweise vor jazzigen Klängen hat. Darüber hinaus gilt er als einer der begabtesten Freestyler im Land. Außerdem kennt er das Business von beiden Seiten des Mischpults, weil er auch als Produzent, Komponist und Toningenieur zugange ist. Nach ersten Schritten in diversen Gruppen tritt er seit 2000 solo auf und hat seitdem in diversen Kooperationen satte 18 Veröffentlichungen in die Regale gewuchtet (zuletzt „Gniew“ [Zorn], 2020). Direkt daneben stehen etliche Auszeichnungen, gekrönt von der Ehrenbürgerschaft der Stadt Łódź im Jahr 2017. Das man das nicht mit Geprolle schafft, ist selbstverständlich – O.S.T.R. schreckt nicht vor ernsthaften Themen zurück und verarbeitete beispielsweise autobiografisch eine schwere Lungen-OP in seinem Album „Życie po śmierci“ (Leben nach dem Tod, 2016).
>> ostr.bio
 

64 / 06.06.2020
KAYAH
Ende der Neunzigerjahre war es in Polen nahezu unmöglich, Kayah (eigentlich Katarzyna Magda Rooijens, geboren 1967 in Warschau) aus dem Weg zu gehen. In jeder Disco, jeder Kneipe und jedem Radiosender wurde ihr Megahit „Prawy do lewego“ vom Album „Kayah i Bregović“ hoch- und runtergespielt, auf dem sie zusammen mit dem bosnischen Musiker und Komponisten Goran Bregović wie selbstverständlich Balkanrhythmen mit polnischer Folklore und Pop vermischte und daraus ein musikalisches Gebräu anrührte, zu dem man einfach tanzen musste. Noch heute ist eine Hochzeitsfeier ohne diesen Song kaum vorstellbar. Auch wenn Kayah diesen riesigen Erfolg später nicht wiederholen konnte, enterte sie auch mit ihren poppigen Soloalben und ambitionierten Kooperationen u.a. mit Cesária Évora oder dem Royal String Quartet regelmäßig in den Charts und räumte verlässlich Preise ab. Wenn sie nicht gerade am Mikrofon steht, ist sie eine äußert erfolgreiche Produzentin, die mit ihrem Label Kayax so illustre Künstler wie Envee, Maria Peszek, Zakopower oder die Warsaw Village Band unter ihre Fittiche genommen und zu Stars gemacht hat.
 

65 / 08.06.2020
CLOSTERKELLER
Gothic Rock ist nicht unbedingt der größte Exportschlager Polens, was aber nicht darüber hinweg täuschen soll, dass es schon lange eine große und sehr lebendige Szene mit ihren eigenen Clubs, Festivals und Bands gibt. Diese Szene wäre ohne Closterkeller eigentlich nicht denkbar. Bereits 1988 gründete sich die Band in Warschau und ist seitdem ununterbrochen aktiv. Dreh- und Angelpunkt ist die charismatische Sängerin Ania Orthodox, das letzte verbliebene Gründungsmitglied, die nicht nur mit ihrer unverwechselbaren Stimme für Wiedererkennungswert sorgt, sondern auch mit ihren Texten das Genre der „gesungenen Poesie“ um eine dunkle Facette erweitert. In über 30 Jahren hat die Band diverse Spielarten des dunklen Genres von Elektronik über balladesken Pop bis zu metallischen Klängen durchprobiert und über 25 Musiker durch die Besetzung geschleust. Konstant sind hingegen die Titel ihrer Alben, die grundsätzlich nach Farben benannt sind – vom Debüt „Purple“ (1990) über die Erfolgsplatte „Violet“ (1993) bis zum letzten Longplayer „Viridian“ (2017). Auch wenn sie es nie in den Mainstream geschafft hat, besitzt die Band doch eine solide Fanbasis und es wäre nicht überraschend, wenn sie auch noch in 20 Jahren durch die Clubs touren würde. Ausreichend Farben für die Albentitel wären ja noch übrig.


66 / 10.06.2020
MARYLA RODOWICZ
Es ist schwer, für ein Phänomen wie MarylaRodowicz (geb. 1945 in Zielona Góra) die passenden Superlative zu finden. Kaum jemand hat die polnische Musik in den letzten 50 Jahren so kontinuierlich geprägt wie die Frau mit der starken Stimme, die mit Chansons groß wurde, aber auch vor Rock und Clubsounds nicht zurückschreckt und deshalb alle Generationen von Enkel bis Uroma erreicht. Die passionierte Leichtathletin stand 1962 erstmals auf der Bühne und tingelte durch diverse Festivals und Wettbewerbe, bei denen sie ab den späten Sechzigern kontinuierlich erste Preise abräumte und sich zunehmend eine Ruf als hervorragende Interpretin erspielte. Ihren Erfolg verdankt sie neben ihrem extravaganten Kleidungsstil und ihrer unverwechselbaren Stimme, die sich zwischen zarter Ballade und rauem Rock in diversen Genres wohlfühlt, auch ihren herausragenden Songwritern wie Agnieszka Osiecka, die ihr unsterbliche Klassiker ins Repertoire schrieben. Seit ihrem Debüt „Żyj mój świecie“ (Lebe, meine Welt; 1970) hat Rodowicz in erstaunlicher Regelmäßigkeit ca. alle zwei Jahre neue Alben veröffentlicht, auch der politische Umbruch 1989 hinterließ in ihrer Diskografie kaum sichtbare Spuren. Insgesamt hat sie bis heute 22 Studienalben veröffentlicht – die weiteren Veröffentlichungen inkl. Singles, Compilations, Livemitschnitten und Soundtracks sprengen den Rahmen des Zählbaren. (Ost-)Deutschen Zuhörern ist sie spätestens seit 1973 keine Unbekannte mehr, als sie beim DDR-Label Amiga ein komplettes Album auf Deutsch (!) herausgab, das 40 Jahre später noch einmal auf CD erschien. Ihre großen Hits wie „Małgośka“ (dt. „Maria“), „Niech żyje bal“ (Es lebe der Ball) oder „Damą być“ (dt. „‘ne Dame sein“) gehören inzwischen in Polen zum Allgemeingut und werden auch dann noch lange gespielt, gesungen und gehört werden, wenn Rodowicz längst in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist. Woran sie im Moment noch keinen Gedanken verschwendet.
 

67 / 13.06.2020
Heute geht’s direkt in den Underground – aber wir stellen euch weder verfrickelte Minimal-Elektronik noch wüsten Black Metal vor, sondern ein Streichquartett. Streichquartett? Gibt es die nicht wie Sand am Meer, auch in Polen? Ja, aber nur wenige bestehen ausschließlich aus Frauen. Noch weniger aus sehr jungen Frauen. Und die allerwenigsten spielen nicht einfach das klassische Repertoire für diese Ensembleform, sondern verewigen in ihren Arrangements die musikalische Kultur ihrer Region – so wie das Sensum Quartet aus dem nordostpolnischen Białystok. Maria Nowak (1. Violine), Agnieszka Wenda (2. Violine), Magdalena Szczebiot-Murawska (Viola) und Katarzyna Winkiewicz (Cello) grasen seit 2015 gemeinsam ihre Heimat Podlachien nach überlieferten Melodien ab und fertigen aus ihnen einfühlsame, griffige Instrumental-Arrangements, welche die nicht verblassende Aktualität der Volksweisen erkennen lassen. Mehrstimmige orthodoxe Gesänge und Festmusik der ethnischen Minderheiten aus den Dörfern an der belarussischen Grenze erfahren so eine Frischzellenkur auf hohem Niveau. Nachhören kann man das auf dem Debüt-Minialbum „Echo“ (2017), das Lust auf mehr macht.
 
 
68 / 15.06.2020
Die Idee liegt so dermaßen auf der Hand, dass irgendwann jemand darauf kommen musste: der rauen, dicht besiedelten, proletarisch geprägten, von Schwerindustrie und Bergbau zernarbten Landschaft Oberschlesiens einen adäquaten Soundtrack zu verpassen. Dass der nicht auf sanften Pfoten daher kommt, versteht sich von selbst. Folglich spielen Oberschlesien aus Piekary Śląskie seit 2012 keine zarten Balladen, sondern ruppigen Industrial Metal. Dass sich die Herren um Schlagzeuger Marcel Różanka  und Sänger Michał Stawiński nicht „(Górny) Śląsk“ nennen, ist in zweierlei Hinsicht schlüssig: Die Region hat u.a. deutsche Wurzeln, genau wie die Musik, welche ihre Bezüge zu Die Krupps und vor allem Rammstein (auch in ihren optischen SM-Anleihen) nicht versteckt. Dieser multiethnische Stahl aus dem metallischen Hochofen mit viel Pyro-Begleitung bekommt noch eine linguistische Legierung, indem die Texte konsequent nicht auf Polnisch, sondern im schlesischen Dialekt abgefasst sind. Bei aller plakativ männlichen (und damit auch subtil sexistischen) Imagepflege erteilen uns die sechs Musiker also auf ihren Alben „I“ (2013), „II“ (2015) und „III“ (2019) auch eine krachende Lektion in Geschichte und Kultur ihrer „hajmat“. Und bedienen sich wie in „Król Olch“ (Der Erlkönig) auch noch am klassischen Literaturkanon der deutschen Nachbarn.
 

69 / 17.06.2020
BRAThANKI
Die gibt’s noch? Aber hallo! Als sie vor 20 Jahren mit ihrem Debütalbum „Ano!“ die polnischen Charts stürmten, waren Brathanki im Handumdrehen berühmt und eine ausgelassene Feier ohne ihre Megahits „Czerwone korale“ (Rote Korallen) und „Gdzie ten, który powie mi“ (Wo ist der, der es mir sagt) schlicht nicht vorstellbar. Das Erfolgsrezept der Gruppe um den Akkordeonisten Janusz Mus war so durchschlagend wie simpel: Wie auf den zeitgleich durch die Decke gehenden Alben von Kayah und Golec uOrkiestra verband sie Instrumentarium und Melodien der slawischen Folklore mit Elementen aus Rock und Pop, die sie für die breite Masse zugänglich machten und unweigerlich ins Tanzbein gingen. Markenzeichen war die Stimme der Sängerin Halina Mlynkova, die mit ihrer Herkunft aus der polnisch-tschechischen Grenzregion noch einen böhmischen Aspekt einbrachte, der sich auch im Albumtitel (tschechisch für „ja“) niederschlug. Mit dem Song „W kinie w Lublinie“ (Im Kino in Lublin) von der Nachfolgeplatte „Patataj“ (2002) landete die Gruppe noch einmal ganz oben in den Hitlisten, dann war der Folk-Boom vorbei und man musste kleinere Brötchen backen. Aber die Band machte weiter, spielte drei weitere Alben ein und wechselte dabei viermal die Sängerin. Seit 2009 steht Agnieszka Dyk am Mikrofon, die während des Lockdowns auch die aktuelle Single „Kantylena konwaliowa“ (Maiglöckchen-Kantilene) einsang. Das Rezept ist gleich geblieben: Folk + Gitarre + eingängiger Text = Fetenhit. Also: Es gibt sie noch. Und wie!
 

70 / 20.06.2020
Wenn irgendwo der Name Programm ist, dann mit Sicherheit bei Smutne Piosenki (Traurige Lieder) aus Poznań. Die vier jungen Leute machen seit 2015 mit einer sparsamen Instrumentierung aus Tasten, Bass und Schlagzeug das Gegenteil von Partymucke, sind naturgemäß tendenziell etwas langsamer unterwegs und würzen ihren balladesken Zeitlupen-Pop mit Versatzstücken aus Chanson, Funk und Jazz. Geprägt und getragen werden die atmosphärisch dichten Kompositionen der Bassistin und Bandgründerin Paulina Frąckowiak durch die markante Stimme der Sängerin Iza Polit, deren kräftiges und zugleich fragiles Timbre immer wieder massiv an Natalia Grosiak von Mikromusic erinnert, die stilistisch gar nicht so weit entfernt sind. Die deutlich dunklere Stimmfärbung Polits sorgt hier jedoch dafür, dass der Bandname kein leeres Versprechen bleibt. Nachhören kann man das auf ihrem Debütalbum „Dziki ogród“ (Wilder Garten, 2018). Wenn man Glück hat, kann man die Gruppe live noch ergänzt um ein Streichquartett und einen DJ erleben.
 
 
71 / 22.06.2020
Der Bandname Farben Lehre klingt in deutschen Ohren zwar grammatisch falsch, aber immerhin kopflastig und ambitioniert. Aber Pustekuchen: Unter diesem Namen spielt sich schon seit 1986 eine (anfangs Schüler-)Punkband aus Płock um Gründer und Sänger Wojciech Wojda und seinen Bruder Konrad an der Gitarre die Finger wund. Der Name bezieht sich übrigens weder auf Goethe noch auf das Bauhaus, sondern auf ein Gedicht von Julian Tuwim. Ihre erste Platte erschien erst 1991 – da waren sie schon u.a. durch das legendäre Musikfestival in Jarocin bekannt. Ihren Mix aus fröhlichem Punk, flottem Ska und entspanntem Reggae, der nie so richtig erwachsen klingen will, haben sie auf mittlerweile satten 15 Studioalben verewigt. Hinzu kommen vier Livealben, sechs Compilations und nicht zu vergessen Hunderte Konzerte, mit denen sie unermüdlich ihre Fans im In- und – trotz konsequent polnischer Texte – auch im Ausland beglücken. Nicht zufällig wurden sie von Die Toten Hosen eingeladen, 2004 als Vorband auf Tour mitzukommen. Auch mit The Exploited, Dritte Wahl oder New Model Army standen sie schon auf der Bühne. Zwischen 2004 und 2011 organisierte die Band jährlich die „Punky Reggae Live“-Tour, zu der sie stilistische verwandte Gruppen wie Akurat, Zabili mi żółwia, Habakuk, Koniec Świata, Leniwiec oder Cała Góra Barwinków mitnahmen. Große Charthits konnten Farben Lehre zwar nie landen, aber Klassiker wie „Matura 2000“ (Abi) oder „Spodnie z GS-u“ (GS-Hosen) kennen dank der großen Spielwut der Gruppe nicht nur eingefleischte Punk-Fans.
>> www.farbenlehre.plocman.pl
 
 
72 / 24.06.2020
KAROLINA CZARNECKA
Die Zuschauer des Festivals für Theaterlieder 2014 in Wrocław dürften sich kräftig die Augen gerieben haben: Da stand ein bis dahin unbekanntes zierliches Mädchen mit leichtem Silberblick namens Karolina Czarnecka (geb. 1989 in Sokółka) am Mikrofon und sang mitreißend ein nur auf den ersten Blick unschuldiges Liedchen – ein Cover des Anti-Drogen-Songs „Heroin and Cocain“ von den Tiger Lillies, das unter dem Titel „Hera koka hasz LSD“ viral ging und auf YouTube in kürzester Zeit 30 Millionen Klicks einsammelte. Per Crowdfunding war im Handumdrehen auch ein Videoclip fertig gebaut und die Karriere von Karolina Czarnecka nahm Fahrt auf. Ihr Vorteil: Sie kann nicht nur singen, sondern auch schauspielern. Sie hat sowohl Puppentheater in Białystok als auch Schauspiel in Warschau studiert, nach wie vor ist sie in Theatergruppen aktiv. Auf Platte kann man sie seit ihrer EP „Córka“ (Tochter, 2014) hören, es folgten drei Alben – zuletzt „Cud“ (Wunder, 2019 auf Kayax). Stilistisch fühlt sich Czarnecka im Sprechgesang mit ordentlich Bass, Bass, Bass wohl – Dub, Dancehall und HipHop sind ihre liebsten Spielwiesen. In ruhigen Momenten darf es auch mal balladesker Pop oder der gute alte Chanson sein, Czarneckas flexible Stimme ist vielen Genres gewachsen. Hinzu kommen ein expressiver Kleidungsstil und ein sicheres Gespür für originelle visuelle Einfälle, das man in ihren zahlreichen Videoclips studieren kann.



73 / 27.06.2020
Das Streichquartett aus Katowice gehört mit Sicherheit zu den etabliertesten seiner Zunft in Polen, denn bereits seit 1978 treten die Absolventen der dortigen Musikakademie „Karol Szymanowski“ zusammen auf. Die Besetzung des Kwartet Śląski hat sich seitdem nicht geändert: Szymon Krzeszowiec (Violine), Arkadiusz Kubica (Violine), Łukasz Syrnicki (Bratsche) und Piotr Janosik (Cello) pflegen gemeinsam die Literatur der Kammermusik und haben sich dabei speziell den Kompositionen des 20. und 21. Jh. verschrieben. Damit pflegen sie nicht nur das Erbe der Neuen Musik, sondern geben ihr auch Starthilfe – über 100 Uraufführungen haben sie auf dem Konto und nicht wenige dieser Werke wurden speziell für sie verfasst. Seit 1992 kann man Auszüge ihres über 400 Werke umfassenden Repertoires auch außerhalb der  renommierten Konzertsäle der Welt nachverfolgen – auf über 40 Alben sind sie zu hören, darunter mit Einspielungen von Aleksander Tansman, Grażyna Bacewicz, Henryk Mikołaj Górecki, Aleksander Lasoń, Andrzej Panufnik, Krzysztof Penderecki und Witold Lutosławski. Aber auch populäre Musik ist ihnen nicht fremd, beispielsweise adaptierten sie unter dem Titel „Republique“ (2005) Stücke der Rockband Republika für ihre Besetzung.
 
 
74 / 29.06.2020
Sommer, Sonne, Xxanaxx! Seit 2012 basteln unter diesem Namen Klaudia Szafrańska und Michał Wasilewski mit zwei Mitmusikern in Warschau an elektronischen Klängen plus Gesang herum und haben damit großen Erfolg. Ihr Name bezieht sich auf ein Medikament gegen Angststörungen und in der Tat sind ihre House-lastigen Klänge auf den drei Alben (zuletzt „Gradient“, 2018) ein gutes Mittelchen zum Runterkommen. Die Mixtur aus sanftem Synth-Pop und technoiden Rhythmen mit sanften Hiphop-Anklängen ist der ideale Soundtrack zum Sommer und stilistisch – wie das Video zu „Story“ deutlich illustriert – eher in Berlin als an der Weichsel zu Hause. Aber auch in Białystok oder Rzeszów liefern Xxanaxx den idealen sanft prickelnden Chill-Out-Soundtrack zum Cocktail auf der Hängematte im urbanen Dachgarten.
 

75 / 01.07.2020
COMA
Kann man mit anspruchsvollem, ruppigem Rock und melancholischen Neunzigerjahre-Vibes in den Charts nach oben klettern? Kann man mit einer Single Erfolg haben, auch wenn der Song über fünf Minuten dauert und erst nach vier Minuten so richtig zum Thema kommt? Man kann, wenn man Coma heißt und sowohl mit Piotr Rogucki einen begnadeten Sänger als auch beim Songwriting ein untrügliches Gespür für atmosphärische Dichte, zündende Dramaturgie und Ohrwurmmelodien hat. Das trifft auf die sechs Herren aus Łódź zu, die sich 1998 um den Gitarristen Dominik Witczak versammelten, um laute, emotionale und gerne auch mal pathetische Musik zu machen. Fünf Jahre lang suchte man seinen eigenen Stil und den Weg zum Zuhörer, bis 2003 mit BMG Poland ein Majorlabel die Veröffentlichung des ersten Longplayers ermöglichte. So richtig ging die Post aber erst mit dem Zweitling „Zaprzepaszczone siły wielkiej armii świętych znaków“ (2006, Zerstörerische Kräfte der großen Armee heiliger Zeichen) ab, der an die Spitze der Album-Charts kletterte. Die Nachfolge-Alben erreichten bereits Platin-Status und belieferten trotz sperrigem Material die Single-Charts regelmäßig mit Nummer-1-Hits. Inzwischen stehen sieben Studioalben im Regal, flankiert von zwei englischsprachigen Platten und drei Livealben. Mit „Don’t Set Your Dogs on Me“ hat das deutsche Label earMusic sogar ein Album in den hiesigen Vertrieb gebracht. Das war’s das dann leider aber auch schon, denn im Herbst 2019 verabschiedete sich die Band mit einer letzten Tour namens „Game Over“. Aber wie so oft wandelt der Sänger längst auf Solopfaden weiter und hat im Februar mit „Ostatni bastion romantyzmu“ (Die letzte Bastion der Romantik) bereits sein viertes Studioalbum herausgebracht.
 
 
76 / 04.07.2020
WARSAW VILLAGE BAND
Gruppen, die sich der polnischen und slawischen Folklore widmen, gibt es in Polen an jeder Straßenecke. Aber nur wenigen gelingt es, auch im Ausland bleibenden Eindruck zu hinterlassen – so wie der Kapela ze Wsi Warszawa (Kapelle aus dem Dorf Warschau) und das sicher nicht nur, weil sie seit einiger auch als Warsaw Village Band durch die Lande ziehen. Wurzel und Ausgangpunkt jeglicher musikalischer Unternehmungen sind bei ihnen die Volkslieder ihrer Heimat, die ohne sie oft schon vergessen wären. Die Gruppe beschränkt sich aber nicht auf die möglichst originalgetreue Aufführung der Melodien mit weißer Stimme, Fiedel, Laute, Hackbrett und Zither, sondern aktualisiert sie dezent – und zwar ohne dabei auf den kommerziellen Erfolg zu schielen. Avantgardistische Klangexperimente, jazzige Einsprengsel, Reggae-Rhytmen und elektronische Spielereien ziehen sich durch ihre Arrangements und machen damit jedes aufpolierte musikalische Kleinod zu einem akustischen Abenteuer für Musiker und Zuhörer. Seit 2004 sind die in wechselnden Besetzungen spielenden Musiker/innen beim deutschen Roots-Label JARO Music aus Bremen unter Vertrag; spätestens seitdem ist ihre Karriere im Ausland nicht mehr zu stoppen. Acht Alben sehr unterschiedlicher Prägung – teils klassisch, teils mit Remixen – dokumentieren ihren Forschergeist. Auch wenn es für den Mainstream vermutlich damit nie reichen wird – in ihrer Nische gehören sie seit Langem zu den ganz Großen.
 
 
77 / 04.07.2020
KINGA PREIS
Über die zahlreichen Bands und hauptberuflichen Musiker sollten wir nicht jene Schauspielerinnen vergessen, die auch dann, wenn die Rollen ausbleiben würden, noch problemlos auf der Bühne eine Karriere als Sängerin hinlegen könnten. In Polen ist das neben Joanna Kulig (die uns in „Cold War“ verzückt hat) und Sonia Bohosiewicz (die „Excentrycy“ mit ihrem Swing veredelte) mit Sicherheit die musikalisch hochbegabte Kinga Preis. Erstaunlicherweise wird sie in Filmen oft lieber als hemdsärmelige, früh gealterte Bäuerin und Hausfrau („Dom zły“, „Bogowie“, „Róża“, In Darkness“, „Stulecie winnych“) gecastet. Selbst in Film-Musicals wie „Córki dancingu“ überlässt sie das Singen anderen. Aber wenn der Aktrice (geb. 1971 in Wrocław) auf der Bühne ein freies Mikro über den Weg läuft, zeigt sie ihre Qualitäten vor allem als Interpretin von Chansons – zwischen süßlich und rabiat, schüchtern und wütend beherrscht sie diverse Stimmungen und setzt diese nicht nur schauspielerisch, sondern auch stimmlich kongenial um. Leider ist bisher niemand auf die Idee gekommen, mit ihr ein Studioalbum zu produzieren. Zum Glück vergisst das Internet nichts und man findet, wenn man nicht in den Genuss einer ihrer (Theater-)Bühnenauftritte kommt, mit etwas Geduld genügend Belege für ihr Naturtalent, mit dem sie Lieder von Nick Cave, Ewa Demarczyk oder Marek Grechuta veredelt.
 
 
78 / 08.07.2020
MERY SPOLSKY
Man sollte auf keinen Fall den Fehler machen und Mery Spolsky unterschätzen. Denn was auf den ersten Blick so gefällig-mainstreamig daherkommt, hat mindestens einen doppelten Boden. Das fängt schon beim Künstlernamen von Maria Ewa Żak (geb. 1993 in Warschau) an, der seit 2014 als transliterierte Version von „Mary z Polski“ (Maria aus Polen) den Anspruch auf Internationalität mit ihrer polnischen Herkunft verbindet. Und diese Verbindung ist Programm: sprachlich einheimisch, aber musikalisch an keinem geografischen Anker festzumachen, sondern auf Augenhöhe mit dem globalen, elektronisch unterfütterten Pop- und Streetdance-Level mit Einflüssen von HipHop und Artverwandten. Dass dabei nicht nur gefälliges Hinternwackeln ohne Nachhaltigkeitswert herauskommt, liegt unter anderem an einer selbstbewusst zur Schau getragenen, taffen Weiblichkeit, einem kreativen Kleidungsstil (immerhin entwirft die Dame ihre Outfits selbst) und nicht zuletzt an Kompositionen und Texten, die bei genauerer Betrachtung voll von originellen Details und intelligenten Anspielungen sind. Das macht auch Spolskys zahlreichen Videoclips zu einer kleinen Kunstgalerie. Kein Wunder, dass ihre bisherigen beiden Alben (zuletzt „Dekalog Spolsky“, 2019) beim Labek Kayax erschienen, das eine gewisse Niveauschwelle prinzipiell nicht unterschreitet.



79 / 11.07.2020
FRELE
Kann man als Coverband jede Menge Spaß machen und trotzdem musikalisch auf höchstem Niveau zu Werke gehen? Und wie klingt eigentlich der Latino-Megahit „Despacito“ auf Schlesisch? Die Antwort auf diese Fragen geben uns die drei Damen von Frele (Schlesisch für „Fräulein“) aus Katowice. Im Stil der Andrews Sisters coverten sich Magdalena Janoszka, Marta Skiba und Marcelina Bednarska ab 2017 dreistimmig in Begleitung männlicher Instrumental-Statisten quer durch die Pop-Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, nachdem ein provisorischer Proben-Mitschnitt von Adeles „Hello“ eher versehentlich viral gegangen war. Die Sängerinnen sind, wie bei Coverbands üblich, stilistisch sehr flexibel – in Chanson, Rock, Soul, Pop und Discofox fühlen sie sich ebenso wohl wie in Latino-Rhytmen. An Sia, Lady Gaga, Lenny Kravitz, Alicia Keys und Miley Cyrus haben sie sich vergriffen (gesammelt auf dem vergriffenen Album „Na Cydyjce“, 2017) und noch einen draufgesetzt: Sie dachten sich zu den Tracks nämlich nicht polnische, sondern schlesische Texte aus, weshalb ihre Videos auch bisweilen Polnisch untertitelt werden mussten. Weil das qualitativ überzeugte und immer wieder heftig geklickt wurde, kam, was kommen musste: Die Damen singen jetzt auch auf Hochpolnisch, verfassen ihre eigenen Kompositionen und schicken sie im Eigenverlag auf dem Album „Hehe“ (2020) in die Welt.
 
 
80 / 13.07.2020
2TM2,3
Eigentlich ist es naheliegend, dass es in einem stark katholisch geprägten Land auch eine opulente christliche Musikszene gibt. Und die beschränkt sich in Polen keineswegs auf Chorgesang und Orgelspiel, sondern ist so bunt und vielfältig wie das Musikbusiness insgesamt. Ein schillerndes Beispiel dafür sind seit 1996 die Rocker von 2Tm2,3 (der Einfachheit halber auch „Tymoteusz“ genannt), die in ihrem auf den ersten Blick etwas sperrigen Namen schon die Richtung anzeigen – er ist die Quellenangabe einer Passage im 2. Timotheusbrief im neuen Testament. Dort heißt es nach Luther: „Leide mit als ein guter Streiter Christi Jesu.“ Und als solche Streiter verstehen sich die zahlreichen Musiker der Supergroup um den charismatischen Altpunk, Rockpoeten und Hobbymaler Tomasz Budzyński, der bereits für Armia und Siekiera am Mikro stand. In ihren Texten – gerne auch mal auf Hebräisch oder Aramäisch – beziehen sie sich explizit auf biblische Inhalte, sind aber musikalisch äußerst ruppig unterwegs und animieren mit ihrem punklastigen Hardrock, gemixt mit Punk, Folk, Hardcore und Reggae, eher zum Pogo als zur Meditation. Bei akustischen Gigs in Kirchen und Gemeindehäusern können sie aber auch einen Gang herunterschalten und offenbaren die Qualitäten ihrer Songs jenseits von Geschwindigkeit und Lautstärke. Flöte, Horn, Saxofon und Klarinette dürfen aber auch mit auf die Bühne, wenn die Verstärker angeknipst sind. Seit ihrem letzten Konzeptalbum „Źródło“ (Quelle, 2015) ist es etwas stiller um die Band geworden, sie ist aber immer noch aktiv.
 
 
81 / 15.07.2020
JAZZPOSPOLITA
Wer bei dem Wort „Jazz“ an einen schummrigen Keller denkt, wo in der Ecke ein Klaviertrio dezent versucht, beim Biertrinken nicht zu sehr zu stören, der ist bei Jazzpospolita aus Warschau an der völlig falschen Adresse. Schon die Besetzung mit verzerrter E-Gitarre, Tasten, Bass und Schlagzeug erinnert eher an eine Rockband als an eine experimentelle Jazz-Formation und genau so klingt der Vierer dann auch. In bester Tradition der Genre-Vorreiter Pink Freud wird hier seit 2008 mit ordentlich Groove und gerne durchgetretenem Gaspedal ein satter Sound produziert, der eher zum Tanzen als zum bedächtigen Kopfnicken einlädt. Dem Post-Rock sind „Jazzpo“ damit bisweilen näher als Tomasz Stańko oder Krzysztof Komeda. Im Herzen ist das immer noch (Nu-)Jazz, also improvisierte und technisch anspruchsvolle Instrumentalmusik, aber mit einem frischen, jugendlichen, energiereichen und bisweilen selbstironischen Zugang – wie der Name (angelehnt an das Wort „Rzeczpospolita“, also „Republik“) schon andeutet. Inzwischen darf in Ausnahmefällen sogar ab und zu ein Gast dazu singen. Im Februar 2020 erschien mit „Przypływ“ (Flut) bereits ihr sechstes Full-Length-Studioalbum.



82 / 18.07.2020
Folklore hat viele Facetten und – eine äußerst wichtige ist dabei die feminine. Zum Glück machen Same Suki (Nur Hündinnen) schon mit ihrem Namen klar, dass ihre primär weibliche Zusammensetzung kein Zufall ist. Dabei ist die „Suka“ eigenlich ein altes polnisches Streichinstrument und verweist somit gleichzeitig auf die traditionellen Instrumente nicht zwingend slawischen Ursprungs (besagte Biłgoraj-Suka, türkischer Rebab, Violine, Udu, Cajón, Bendir, Cello, Kazoo), mit denen Helena Matuszewska, Patrycja Betley und Magdalena Wieczorek sowie Quotenmann Karol Gadzało zum Tanz aufspielen. Aber so, wie Same Suki seit 2012 ihr historisches inspiriertes Liedmaterial aufführen, ist es vor 200 Jahren mit Sicherheit nicht gespielt worden. Ihre Texte sind nämlich frisch geschrieben, gerne zeitaktuell sozialkritisch und dabei gelegentlich auch explizit feministisch. Offensive weibliche Sexualität und Religion sind kein Tabus. Auch kompositorisch wird modernisiert, vermischt und gekreuzt, bis keine passende Schublade mehr da ist. Nachhören kann man das bei diversen Live-Konzerten dies- und jenseits der Oder sowie auf den beiden Alben „Niewierne“ (Untreue, 2013) und „Ach, mój Borze“ (Ach du lieber Nadelwald, 2018).
 

 
83 / 20.07.2020
Manchmal lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen. Zum Beispiel, wenn man eine Frauenstimme hört, aber dabei einen Mann singen sieht. Dann könnte es der Countertenor Jakub Józef Orliński (geb. 1990 in Warschau) sein, der nicht nur ein begnadeter und international erfolgreicher Sänger, sondern auch eine faszinierende Persönlichkeit ist. Nach seiner Ausbildung an der Fryderyk-Chopin-Musikuniversität seiner Geburtsstadt machte er zunächst seine ersten Schritte auf Bühnen Polens, bevor man ihn u.a. in Cottbus, Gießen und Leipzig hören konnte. Seine Auftritte in Deutschland ebneten ihm den Weg auf die Konzertbühnen der ganzen Welt. Inzwischen konnte er diverse internationale Wettbewerbe für sich entscheiden und u.a. die New Yorker Carnegie Hall mit Wohlklang füllen. Aber es gibt für Orliński auch ein Leben außerhalb der Konzertsäle und Opernbühnen: Er ist passionierter Breakdancer und als solcher ebenfalls ein Meister seines Fachs mit einigen Preisen in der Tasche. Da er darüber hinaus auch noch gut aussieht, wird er gerne für Werbeanzeigen und -clips als Testimonial gebucht. Und er ist YouTube-Klickmillionär, nachdem er versehentlich zu einer Radio-Aufnahme in leichter Sommerkleidung erschien, um dann festzustellen, dass doch Publikum und Kamera anwesend waren – und daraufhin in Turnschuhen und offenem Hemd eine hinreißende Vivaldi-Interpretation hinlegte, die prompt viral ging. Orlińskis Regal mit CD-Einspielungen ist hingegen ausbaufähig: Bis jetzt stehen dort gerade einmal die zwei Alben „Anima Sacra“ (2018) und „Facce d’amore“ (2019), die er mit dem schweizerisch-italienischen Orchester Il Pomo d’Oro unter Maxim Emelyanychev eingespielt hat.
 

 
84 / 22.07.2020
Es gibt Tage, an denen braucht man sanfte und unaufdringliche Musik – und es gibt Tage, da muss es hart, schnell, laut und dreckig sein. Für letztere sind die The Analogs aus Szczecin seit 1995 zuständig, die uns zeigen, dass man in 25 Bandjahren auf 20 Alben in Würde altern kann, ohne etwas an der für den geplegten Oi!/Streetpunk unabdingbaren Angepisstheit und Räudigkeit einzubüßen. Die Vorbilder liegen optisch wie akustisch unverkennbar in England, aber geradlinige Drei-Minuten-Songs, die authentisch als Sprachrohr für hart Arbeitende und sozial Unterprivilegierte funktionieren, haben auch in Polen ihre Daseinsberechtigung. Reich und berühmt sind sie damit nicht geworden, haben sich aber durch unermüdliche Album-Einspielungen und Livekonzerte eine treue Fanbasis erspielt – auch da, wo wenige andere Musiker hinkommen. Mit entschlackten akustischen Arrangements tourten nämlich zwei Musiker der Band 2018/19 in bester Johnny-Cash-Manier durch diverse Gefängnisse bzw. Erziehungsanstalten Polens und hielten diese Konzerte hinter Gittern auf dem Album „Projekt pudło“ (Knastprojekt, 2019) fest.
 



85 / 25.07.2020
Bei den Liedern von der Schauspielerin, Komponistin und Multiinstrumentalistin Karolina Klaudia Cicha (geb. 1979 in Białystok) sollte man ganz genau hinhören. Bei einer einer promovierten Literaturwissenschaftlerin muss man schließlich damit rechnen, dass Texte keine Nebenrolle spielen. Und das tun sie bei Cicha auf keinen Fall, auf ihren Alben vertonte sie u.a. die Dichter Tadeusz Gajcy und Tadeusz Różewicz und interpretierte Lieder über Warschau. Zunehmend betextet sie aber auch selbst geschriebene Lieder. Musikalisch ist bei der Musikerin auf inzwischen sieben sehr unterschiedlichen Alben (zuletzt „Jeden – Wiele“ [Einer – Viele], 2018) der multiethnische Folklore-Einfluss ihrer Heimatregion Podlachien nicht zu überhören, mischt sich aber stets wandelbar u.a. mit Elementen aus Rock, Pop, Klezmer und Chanson. Bisweilen darf es auch noch etwas exotischer sein, wenn sie mit einem Mix aus uralten und elektronischen Instrumenten (bis zu drei gleichzeitig spielend) beispielsweise pakistanische Traditionen aufgreift oder in Esperanto singt. Ihre Kreativität und Wandelbarkeit verschaffte ihr wiederholt Auftritte bei diversen World-Music-Festivals in Europa, Asien und der USA – zu Recht, denn mit jedem neuen Album bricht sie in eine neue akustische Welt auf.