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Polnisches Institut Berlin

Es begann in Gdańsk

Ausstellung

Яückblicke

09.06 - 10.09.2010

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Kuratiert von Lena Prents

Künstler:

Marina Naprushkina (BY/D)
Ivan Bazak (UA/D)
Margret Hoppe (D)
Via Lewandowsky (D)
Aleksander Komarov (BY/D)
Wojtek Doroszuk (PL)

Vernissage: 08.06.2010, 19:00 Uhr

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Die Ausstellung im Polnischen Institut Berlin präsentiert ЯÜCKBLICKE auf die Gegenwart und Hinterlassenschaften politischer Systeme, wie sie aus einer räumlichen oder zeitlichen Distanz gesehen werden. Für Künstlerinnen und Künstler mit Migrationserfahrung ermöglicht eine Neuverortung eine unverhohlene kosmopolitische Betrachtung von Realitäten der alten Heimat. Der Blick zurück aus der zeitlichen Entfernung vermag es auf eine genaue und unpathetische Weise die Ideologien der Vergangenheit vorzuführen. Die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung stammen aus Deutschland, Weißrussland, Polen und der Ukraine. Ihre Reflexionen über Politik, Geschichte und Identitätskonstruktionen eröffnen dabei auch eine bemerkenswerte Perspektive auf die Gegenwart.

Marina Naprushkina (BY/D) beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit verschiedenen Facetten des gegenwärtigen Alltagslebens in Weißrussland, das von einem restriktiven politischen Regime geführt wird. In ihren Videos und Installationen deckt sie autoritäre Propagandamechanismen auf und zeigt rückwärtsgewandte Absurditäten aus einem Land, das im osteuropäischen Raum ein Relikt darstellt. In der Arbeit „Virtuelle Demokratie“, die Naprushkina explizit für die Ausstellung im Polnischen Institut konzipiert hat, läßt sie „das Volk“ zur Wort kommen: In eine scherenschnittartige Kulisse fügt sie Kommentare der Internetnutzer zu Politik und Widerstand ein.

Zeigt Marina Naprushkina den Zustand „Jetzt“ der weißrussischen Realität, so veranschaulicht das Video von Ivan Bazak (UA/D) die historische Konstruktion nationaler Identitäten. Bazak filmte eine Führung durch das Museum in Medno, einem weißrussischen Dorf im Dreiländereck zu Polen und der Ukraine. Die Geschichte eines Ortes, die durch die politischen Wirren und häufige Grenzverschiebungen gekennzeichnet ist, ist kompliziert genug. Wie sie (re)konstruiert und vermittelt wird, liegt in der Hand ihrer Interpreten. Die Arbeit von Ivan Bazak führt das anschaulich vor: Je nach Raum ändern sich die Erläuterungen des Museumsführers über Helden und Täter, Heroik und Tragik des Dorfes.

Margret Hoppe (D) hält in ihren Fotografien die „verschwundenen Bilder“ fest – jene symbolträchtigen, zukunftsbejahenden Darstellungen der visuellen Kultur der DDR, wie sie einst an Hausfassaden und in öffentlichen Gebäuden prangten. Geblieben sind davon Übermalungen und Leerstellen, die nicht mehr gebrauchte Kunst stapelt sich in Depots und Archiven. Die Fotografin visualisiert jene „stillen Tatorte, die auf den Punkt hinweisen, an dem Erinnerung verlöscht. Unsichtbar bleiben die Bilder, an die mit Hilfe der Fotografie erinnert wird.“ (Margret Hoppe)

Via Lewandowsky (D) installiert in seiner Arbeit „Ranula“ einen Garderobenständer mit einem Megaphon und fragt sich, „was es wohl über die Menschen gelernt haben würde, wenn es sich an alles erinnerte, dass durch sein Horn gesagt, geschrien und gebrüllt wurde“. Unvermeidlich ruft diese Installation Assoziationen mit undemokratischen Systemen hervor. Aber das Irritierende ist, dass auch diese Gegenstände eine doppelte Identität aufweisen: Der Garderobenständer ist aus dem Bestand eines Kreuzberger Amtes und das Megaphon stammt aus westdeutscher Produktion.

Aleksander Komarov (BY/D) hinterfragt in seiner Arbeit „Portrait Relations“ die Authentizität eines Familienalbums. Sind Zuschreibungen so eindeutig, wie das Konvolut der Familienerinnerungen uns suggeriert? Die stereotypen Sehinterpretationen – wie es wohl im Osten und Westen sein sollte – werden bei Komarov als nicht standhaft vorgeführt.

Wojtek Doroszuk (PL) geht in seinem gleichnamigen Videozyklus dem „Reisefieber“ nach. In Berlin besucht er Orte, die für die deutsch-polnische Geschichte von besonderer Bedeutung sind und schlüpft anschließend in unterschiedliche Rollen, die die Gegenwart der bilateralen Beziehungen mit prägen. So auch im Video „Raspberry Days“ testet er die Verheißungen des Wohlstandes aus der Sicht eines Immigranten und Gastarbeiters.



Margret Hoppe „Die verschwundenen Bilder“
C-Prints, 2003-2006
„Für die Arbeit »Die verschwundenen Bilder« gehe ich den Spuren von Kunst aus der ehemaligen DDR nach. So fotografiere ich zum einen die Leerstellen in Räumen, an Wänden oder an Hausfassaden, die nach dem Abnehmen oder Übermalen von Bildern entstanden sind. Zum anderen suche ich Archive und Depots auf, in denen diese Bilder mit ungewisser Zukunft, verwahrt oder auch vergessen werden.
Die Titel der Fotografien verweisen durch die Erwähnung von Autor, Bildtitel, Jahr und Ort auf die »verschwundenen Bilder« und sind somit Stellvertreter für diese. Sichtbar sind stille Tatorte, die auf den Punkt hinweisen, an dem Erinnerung verlöscht. Unsichtbar bleiben die Bilder, an die mit Hilfe der Fotografie erinnert wird.“ (Margret Hoppe)
Margret Hoppe, geb. 1981 in Greiz/Thüringen, Deutschland. Studium der Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig. Lebt in Leipzig, z.Z. Stipendiatin der Cité Internationale des Beaux Arts in Paris.

Via Lewandowsky, „Ranula“
Soundinstallation mit einem Megaphon und einem Garderobenständer, 2009
„Wenn sich ein Megaphon an alles erinnerte, dass durch sein Horn gesagt, geschrien und gebrüllt wurde, was würde es wohl über die Menschen gelernt haben. Die vielen Imperative, Signalworte oder die selteneren guten Nachrichten wie „… wir sind zu ihnen gekommen, ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise…“ hätten einem einfachen Megaphon Zweifel am Verstand seiner Benutzer aufkommen lassen. Zwar verhilft das Megaphon zur akustischen Wortgewalt, aber der Umstand, dass es meistens in Ausnahmesituationen benutzt wird, limitiert die Inhalte dramatisch. Wann würde schon ein Megaphon den Satz „Liebe Mitbürger, wir haben euch betrogen, unsere Macht missbraucht und eigentlich seid ihr uns auch scheißegal!“ laut in die Menge tröten dürfen. Geständnisse kommen im akustischen Repertoire eines Megaphons nicht vor. Unsicherheit in Form von unzähligen ähs und ähms schon eher.
Das Megaphon, das einsam und unbeachtet an einem Garderobenständer hängt und leise vor sich hin räuspert, scheint sich von allen Worten mit einer Phonetik jenseits der Sprache zu reinigen. Es könnte natürlich genauso gut nachäffend „Achtung, Achtung!“ vor sich hinmurmeln. Doch das Räuspern als Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen, ist hier nicht gemeint. Sondern ähnlich „Dr. Murkes gesammelten Schweigen“ (Böll, 1955) ist gerade das Räuspern ein Ausdruck für Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit. Der abwesende Benutzer bemerkt all das nicht, lässt sich vielleicht gerade feiern für das, was er gesagt oder eben verschwiegen hat.
(Ranula: lateinisch für Fröschlein, auch Froschgeschwulst oder Mundbodenzyste ist der Ursprung des Ausspruches „Frosch im Hals“)“, Via Lewandowsky
Via Lewandowsky geb. 1963 in Dresden. Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Lebt in Berlin.

Aleksander Komarov, „Portrait Relationships“
Installation mit Fotos aus privaten Fotoalben, 2007
„Die Gegenwart ist aus einzelnen, manchmal von einander entfernten „Dingen“ konstruiert. Sie vereinigen sich in einer Bilderabfolge aus verschiedenen Orten und Zeiten. Diese „Dinge“ sind Instrumente für die Konstruktion unserer Identität. Das Familienfotoalbum ist ein trivialer Gegenstand, der die Geschichte einer Familie in Portraits präsentiert. Es verbindet nahe und entfernte Verwandte, es ist ein „Ding“, das die Einheit der Familie in der Repräsentation zusammenhält.
Diese representativen Beziehungen bleiben bestehen, auch wenn die Familienmitglieder in verschiedenen Ländern und in verschiedenen politischen Systemen leben. Auch wenn die Bilder zu unterschiedlichen Zeiten gemacht wurden und die Familienzugehörigkeit nicht offensichtlich ist, die „Portraitbeziehungen“ in einem Fotoalbum erlauben es, diese Diskrepanz zu ignorieren. Denn die Idee eines Familienalbums besteht in der Zusammentragung des visuellen Materials, das die Familie repräsentieren soll. Das ist ein offenkundiger und oft bestätigter Beweis dafür, dass die Fotografie zuallerletzt als ein dokumentarisches Zeugnis der Tatsachen betrachtet werden kann. Nein, die Fotografie ist ein Instrument, das es uns erlaubt, unser eigenes individuelles Narrativ zu schaffen.
Und wenn die Fotografie also den Prozess der Identifizierung nicht beeinflußt, so besteht keine Notwendigkeit, die Authentizität meiner „Portraitbeziehungen“ zu belegen, d.h. den Status meiner Familienmitglieder, jener, die im Osten leben, und jener aus dem Westen, nachzuweisen. Jetzt, wo mein Familienalbum in den Ausstellungsraum, in einen „White Cube“, übertragen wurde, verleiht die einfache Tatsache, dass die Fotos hier als „Portraitbeziehungen“ des Künstlers Aleksander Komarov vorgestellt sind, eine künstlerische Beglaubigung für ihre Echtheit und Wahrhaftigkeit.“ Aleksander Komarov
Aleksander Komarov, geb. 1971 in Grodno/Belarus. Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Poznan und an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam. Lebt in Berlin.

Ivan Bazak, „Museum“
Modell, Videoprojektion, 2010
Während eines Stipendiums an der Galerie Arsenal in Bialystok reiste ich einige Male über die Grenze, besuchte kleine weißrussische Städte und Dörfer und führte viele Interviews mit Bewohnern. Eine Geschichte lenkte mich zu der nächsten, und so entstanden über achtzig Stunden Aufnahmen des gegenwärtigen weißrussischen Alltagslebens jenseits der Metropolen. In erster Linie hat mich die aktuelle Haltung zur weißrussischen Geschichte interessiert bzw. die Veränderungen in dieser Haltung, bezogen auf einzelne kulturelle und historische Ereignisse.
In Medno, einem weißrussischen Dorf unweit der Grenzen zur Ukraine und zu Polen, habe ich in einem einfachen ländlichen Haus das „Museum des Dorfes“ entdeckt. Es entstand vor etwa 30 Jahren auf Initiative und unter Leitung des Dorflehrers für Geschichte. Ich durfte seiner Führung durch das Museum beiwohnen und sie filmen. Emotional und parteiisch erzählt, nahmen historische Ereignisse for meinen Augen Gestalt an – um einige Minuten später und ein paar Museumsräume weiter in einem teilweise komplett gegensätzlichen Licht dargestellt zu werden.
Die Arbeit „Museum“ ist speziell für die Ausstellung „Яückblicke“ entwickelt worden.
Ivan Bazak, geb. 1980 in Kolomyja/Ukraine. Studium an der Nationalen Akademie für Kunst und Architektur in Kiev und an der Kunstakademie in Düsseldorf. Lebt in Berlin.

Marina Naprushkina, „Virtuelle Demokratie“

Folie auf Fensterglas, 2010
„Virtuell“ im belarussischen Sprachgebrauch bezieht sich nicht nur auf die Internetnutzung. Es ist ein Synonym für irreal, nicht existent, abwesend.
Den Anlaß für den ersten Teil meiner Arbeit gab eine Diskussion in Belarus zur aktuellen politischen Lage, die man - kurz zusammengefaßt - hätte betiteln können: „Was tun?“. Solche Diskussionen entstehen dort regelmäßig und werden in Ermangelung eines öffentlichen Meinungsaustausches vor allem in zahlreichen Internetforen geführt. Auf den ersten Blick erscheint die Zahl der regimkritischen, ausgewogenen politischen Aüßerungen überwältigend. Doch bereits einige Minuten später macht sich Enttäuschung breit: Es geht auch hier um Posen, gespielte revoluzzerische Haltung und das Präsentieren von einem besonders auffälligen, pointierten Ausdruck. Am Ende läßt das Reden und Diskutieren der Internetnutzer aneinander vorbei kaum hoffen, dass sich über dieses Medium eine ernstzunehmende Protestbewegung formieren kann.
Der Blick zurück nach Westeuropa im zweiten Teil der Arbeit zeigt Parallelen auf. Die dort abgebildeten Kommentare sind Internetcommunities wie Facebook, Twitter oder StudiVZ entnommen. Besonders die junge Generation nutzt dieses Kommunikationsmedium, um sich im gesellschaftlichen und politischen Diskurs auszutauschen. Die neue „unkontrollierbare“ Vernetzung führte zu einer breiten Reihe gut organisierten Studentenproteste in vielen europäischen Ländern. Konnte man in diesen Protestaktionen eine Wiederkehr der 1968er spüren? Fühlte sich das System tatsächlich bedroht durch diesen Aufstand? Nicht wirklich. Offensichtlich ist das System kritikresistenter geworden und stellt damit für die junge Generation eine viel härtere Herausforderung dar.
Marina Naprushkina, geb. 1981 in Minsk/Belarus. Studium an der Hochschule der bildenden Künste in Karlsruhe und an der Städelschule in Frankfurt am Main. Lebt in Berlin und Minsk.

Wojtek Doroszuk
„Sümela Restaurant“, „Cosy-Wash“ (Videos aus dem Zyklus Reisefieber, 2007) / „Raspberry Days“ (Video, 2008)
„Während seines Aufenthaltes in Berlin hat Wojtek Doroszuk fünf Filme aufgenommen und sie zum Zyklus „Reisefieber“ zusammengefaßt. Die Metropole mit ihrem regen multikulturellen Leben erscheint für Fremde wie eine Bühne, auf der jeder seine tagtägliche Performance vorführt. Doroszuk schlüpft in verschiedene Gastarbeiter-Rollen, spielt mit seiner Identität und schafft starke Charaktere eines potentiellen Immigranten aus Osteuropa.“ (Marta Lisok)
„Es geht darin um existenzielle Fragen: Identität in einer globalisierten Welt und das Gefühl der Zugehörigkeit und des Fremdseins zugleich, die Einsamkeit als Osteuropäer am Rande einer Massenfeier, oder die deutsch-polnische Geschichte, deren Last sich besonders an symbolträchtigen Orten spüren läßt.“ (Magdalena Ujma)
„Raspberry Days“, Video, 2008: „Die Himbeerplantage in Innvik, Norwegen, liegt malerisch am Hang eines Fjordes. Von einer Seite fräst sich das Meer ins Land, von der anderen umgibt ein dichter Wald die Plantage. Das ist der Arbeitsplatz für einige Polen, die jeden Sommer hierher als Erntehelfer kommen. Schweigend und konzentriert bewegen sie sich durch die Reihen der Himbeersträuche und füllen ihre Körbe. Ihr leises Summen und das Geknister der Blätter mischen sich mit dem Vogelgezwitscher und dem Rauschen des Windes. Die Arbeiter ähneln emsigen Insekten und scheinen mit der Natur zu verschmelzen, zu ihrer Staffage zu werden.
„Raspberry Days“ ist einerseits ein Naturfilm. Auf der anderen Seite, bezogen auf den vorausgegangenen Zyklus „Reisefieber“ (2007) mit seinem Fokus auf Migration, harte Arbeit, Entfremdung und Einsamkeit, ist er mehr als eine ironische Irreführung. Seine überspitzte, surreale Aura bringt ihn eher in die Nähe eines Traums als einer wahrgenommenen harten Realität.“ (Wojtek Doroszuk)
Wojtek Doroszuk, geb. 1980 in Głogów. Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Krakau und an der Sabanci Universität in Istanbul. Lebt in Krakau.

Bilder von der Ausstellungseröffnung:
www.catonbed.de/link/polen.html

(webportal der Berliner Kunstszene www.catonbed.de)